
PRESSEMITTEILUNG
Was ist ein Mitarbeiter wert?
Bonn, 06. Juni 2000 - Was ist die wertvollste Ressource eines Unternehmens? Fragt man Manager, so erhält man neuerdings häufig als Antwort “die Mitarbeiter”. Traditionell wurde eher der Kunde genannt, gemäß Kundenorientierung als oberstem Credo der Firmenleitung. Gelegentlich wird auch das verbriefte technische Know-how etwa in Form von Patenten oder Schutzrechten angeführt. Was aber nun ein Mitarbeiter oder ein Kunde in Zahlen wirklich wert ist, bleibt meist nebulös. Dabei gestattet die Bewertung börsennotierter Unternehmen einfache, aufschlussreiche Vergleiche. Dividiert man den Börsenwert durch die Zahl der Mitarbeiter, so ergibt sich eine interessante Kennzahl, gewissermaßen der “Wert eines Mitarbeiters”. Ich habe diese Kalkulation für eine Auswahl börsennotierter Firmen, sowohl für Großunternehmen als auch für Starts Ups zusammengestellt. Die Zahlen sind erstaunlich, wie die Tabelle belegt.
 | Börsenwert Mrd. Euro | Mitarbeiter | Börsenwert/Mitarb. |
 | (Quelle: FAZ, 03.06.2000) | (Geschäftsberichte 1999; Quartalsbericht 1/2000) | in Euro |
 |  |  |  |
| EM.TV | 10,15 | 218 | 46.559.633,02 |
| Intershop | 7,48 | 667 | 11.214.392,80 |
| Lycos Europe N.V. | 1,46 | 167 | 8.742.514,97 |
| Web.de | 0,56 | 100 | 5.600.000,00 |
| Brokat Infosystems | 2,99 | 643 | 4.650.077,76 |
| Pixelpark | 1,69 | 604 | 2.798.013,25 |
| SAP | 61,57 | 22.298 | 2.761.234,19 |
| Mobilcom | 5,81 | 2.890 | 2.010.380,62 |
| Deutsche Telekom | 207,51 | 195.841 | 1.059.584,05 |
| Allianz | 95,29 | 113.584 | 838.938,58 |
| Deutsche Bank | 51,91 | 92.457 | 561.450,19 |
| Beiersdorf | 7,06 | 16.168 | 436.665,02 |
| Bayer | 30,53 | 118.100 | 258.509,74 |
| Siemens | 97,55 | 425.000 | 229.529,41 |
| Schering | 3,83 | 22.591 | 169.536,54 |
| DaimlerChrysler | 59,07 | 466.938 | 126.505,01 |
| VW | 18,29 | 313.000 | 58.434,50 |
| Continental | 2,85 | 62.933 | 45.286,26 |
| Karstadt-Quelle | 3,16 | 116.458 | 27.134,25
Quelle: Simon, Kucher & Partners (www.simon-kucher.com) |
An der Spitze liegt EM.TV mit einem geradezu unglaublichen Wert von 46,6 Mio. € pro Mitarbeiter. Mehrere New Economy-Firmen kommen auf hohe einstellige oder gar zweistellige €-Millionenbeträge. Doch auch Großunternehmen erreichen beachtliche Werte, etwa die Deutsche Telekom oder die Allianz. Hier ist zu bedenken, dass diese großen Firmen sehr viele Mitarbeiter beschäftigen. Umgekehrt erstaunt, wie niedrig der Börsenwert pro Mitarbeiter bei anderen Unternehmen ausfällt, Volkswagen, Continental oder Karstadt Quelle sind Beispiele. Selbst innerhalb einer Branche zeigen sich enorme Diskrepanzen, etwa zwischen Bayer, Beiersdorf und Schering. Wie lassen sich diese extremen Unterschiede erklären? Ist die Wertschöpfung (genauer müsste man sagen die “Mehr”wertschöpfung) pro Mitarbeiter tatsächlich so verschieden?
Natürlich ist diese Betrachtung insofern einseitig und simplifizierend, als mit der Mitarbeiterzahl nur eine Determinante des Wertes eines Unternehmens einbezogen wird. Neben den Mitarbeitern existieren zahlreiche andere Werttreiber, die allerdings nur teilweise unabhängig von den Mitarbeitern sind. Zu nennen sind beispielsweise Marken- und Schutzrechte (bei EM.TV ein herausragender Faktor), Patente (bei Siemens sehr bedeutsam) oder Anlagen (bei Telekom von hoher Wichtigkeit). In jedem Falle ist jedoch die Frage, was bei einer Übernahme des Unternehmens pro Mitarbeiter gezahlt werden muss, von hohem Interesse. Und können solche hohen Werte tatsächlich von den Mitarbeitern zurückverdient werden? Bei den sehr hohen Bewertungen darf man hier überwiegend Zweifel anmelden. Es stellt sich bei solchen Preisen auch die Frage, ob es nicht billiger wäre, derart teuren Mitarbeitern ein lukratives Angebot für einen Wechsel zu machen und dann mit ihnen eine neue Firma aufzubauen. Natürlich ist dieser Weg mühsamer und langwieriger, vielleicht aber sehr viel billiger. Umgekehrt verwundert es, dass nicht mehr Firmen mit sehr niedriger Bewertung pro Mitarbeiter übernommen werden. Denn die Qualifikation der Mitarbeiter scheint ja in vielen dieser Firmen durchaus gut, und die niedrigen Beträge sollten sich in kurzer Zeit amortisieren lassen.
Die Tabelle bringt nicht zuletzt den grundlegenden Zusammenhang zum Ausdruck, dass mit der Wissensintensität der Wert pro Mitarbeiter tendenziell ansteigt. Diese Tendenz könnte den eingangs angesprochenen Paradigmenwandel verursachen. Statt des Kunden wird der Mitarbeiter zur wertvollsten Ressource des Unternehmens. Während McKinsey noch die klare Prioritätenfolge Kunde, Firma, Mitarbeiter als Quasi-Glaubenssatz hat, gibt es jüngere Unternehmen, die es wagen, den Mitarbeiter vor den Kunden an die erste Stelle zu setzen. Solche Firmen sind zwar zurückhaltend, diese Einstellung nach außen zu kommunizieren, propagieren sie jedoch dezidiert nach innen. Andere versuchen es mit fallweisen Kompromissen. In jedem Falle deutet sich in wissensintensiven Unternehmen eine Höherbewertung der Mitarbeiter an, im quantitativen wie im qualitativen Sinne.
So wie im Zuge der Industrialisierung das Kapital den Boden ablöste, so verdrängen die Mitarbeiter mit dem Übergang in die Wissensgesellschaft das Kapital und vielleicht sogar den Kunden als knappen Faktor. Nicht mehr das Kapital oder der Absatz bilden den Engpass, vielmehr werden Management- und technologische Fähigkeiten zum begrenzenden Faktor. Damit steigen auch die Knappheitspreise für diesen Faktor. Für Unternehmen, die sich diesem Trend verschließen, wird es zunehmend schwieriger, qualifizierte Wissensträger zu gewinnen und zu halten.
Hermann Simon ist Vorsitzender der Geschäftsführung von Simon, Kucher & Partners in Bonn, München, Cambridge (USA), Wien, Paris und Zürich
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